AnaCredit – Zäsur im statistischen Meldewesen der Banken

20. Januar 2016 in Kategorie Risikocontrolling / Steuerung / Bilanz

PPI_UIDie Europäische Zentralbank (EZB) ist bestrebt, die Transparenz der kreditgewährenden Finanzinstitute fortwährend zu verbessern. Die hierfür erforderlichen qualitativen und quantitativen Informationen zur Beantwortung der dringlichsten geldpolitischen, mikro- und makro-prudenziellen Fragestellungen (Finanzstabilität, Stresstest, Peer-Group-Vergleiche etc.) liegen gegenwärtig nicht in der gebotenen Tiefe, Breite und Granularität vor. Insbesondere der Mangel an Harmonisierung vorhandener Konzepte, Definitionen und vor allem der ungenügende Abdeckungsgrad bestehender Kreditregister sind die Triebfeder für den Aufbau einer europäischen Kreditdatenbank („Multipurpose Tool“).

Infolgedessen hat die EZB (03/2014) mit Beschluss 2014/6 (Amtsblatt der Europäischen Union) den Startschuss für die Erhebung von granularen Kreditdaten durch das „Europäische System der Zentralbanken“ gegeben. Dies bedeutet, dass mit diesem Beschluss die nationalen Zentralbanken aufgefordert sind, sich mit diesem Thema verpflichtend auseinanderzusetzen und gleichzeitig adäquate Maßnahmen für eine erfolgreiche Umsetzung zu ergreifen.

Zusätzlich wurde mit der Einrichtung einer „STC/FSC Task Force AnaCredit“ durch die Europäische Zentralbank die Konzeptionierung im Hinblick auf die Anzeige von harmonisierten Kredit- und Kreditrisikodaten stark priorisiert.

Inhaltliche Schwerpunkte der Konzeptionierung sind:

 

  1. Anforderungskonforme Definition von Attributen (u. a. Kreditgeber, Kreditnehmer, Kredit etc.).
  2. Festlegung von vereinheitlichten Methoden und Businesslogiken für den Daten-Selektion-Prozess.
  3. Bestimmung einer geeigneten Rechtsvorschrift bzw. eines Rechtsinstrumentes für das Meldewesen (z. B. Statistikverordnung).
  4. Erarbeitung eines Framework für Nutzungs- und Zugriffsrechte, Datenschutz und Sicherheit.
  5. Durchführung einer Kosten-Nutzen- Analyse.
  6. Ausarbeitung eines Zeitplans zur Implementierung.

 

Die Implementierung der Kreditdatenbank „AnaCredit“ geht unmittelbar einher mit dem Aufbau einer modernen, flexiblen und agilen IT Architektur- und Systemlandschaft. Die zur Meldung verpflichteten Institute sollen durch einen hohen Grad an Stabilität der Anforderungen und verminderter Ad Hoc Anfragen perspektivisch spürbar entlastet werden. Seit 2014 arbeitet die EZB an einem ersten Umsetzungsentwurf. Die rechtliche Grundlage zur Implementierung der neuen Anforderungen soll durch die EZB zeitnah veröffentlicht werden. Da es sich bei AnaCredit um eine statistische Meldung handelt (§ 18 Bundesbankgesetz), kann die Umsetzung in nationales Recht in Deutschland mithilfe einer ergänzenden Bundesbankverordnung erfolgen. Die Bundesbank geht aktuell davon aus, dass die erste Meldung erst Anfang 2018 erfolgt und somit ein Jahr später als zunächst geplant.

In Phase 1 sollen ausschließlich CRR-Kreditinstitute auf Einzelinstitutsebene Kredite gegenüber juristische Personen melden. Die aktuell angedachte Meldeschwelle von 25.000 € für Performing Loans und 100 € für Non Performing Loans wird den Umfang der zu meldenden Kredite deutlich erhöhen. Basis für die Ermittlung der Meldeschwelle soll das Kundenexposure sein. Abbildung 2 – 1 verdeutlicht das geplante dreistufige Vorgehen.

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In Phase 2 wird die Meldepflicht auf Konzernebene ausgeweitet. Der Umfang der einzubeziehenden Kredite wird damit deutlich erhöht. Die Berechnung des Kundenexposure auf Konzernebene wird für die meisten Institute sicherlich eine große Herausforderung. Weitere Anpassungen oder Erweiterungen sind zum gegenwärtigen Zeitpunkt nicht auszuschließen; von einer Meldung von Kreditdaten privater Baukredite (Phase 3) vor 2020 ist schon jetzt auszugehen.

Der ursprüngliche Fokus auf ein sog. „core set of data“ ist bereits auf mehr als 175 Attribute (06-2015) in den Clustern Bilanz-, Risiko- und Verlustpositionen sowie sonstige beschreibende Daten gewachsen. Abbildung 2 – 2 zeigt den aktuellen Stand des definierten Reporting Pakets.

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Erste Analysen haben ergeben, dass nicht alle Attribute aus den bestehenden Datenquellen generierbar sind bzw. lieferbare Attribute noch nicht über eine ausreichende Datenqualität verfügen. Insgesamt stellt die Umsetzung die Institute wieder einmal vor enorme Herausforderungen mit entsprechend hoher initialer Aufwandsindikation. Zum gegenwärtigen Zeitpunkt ist davon auszugehen, dass die erweiterte Meldetätigkeit additiv zu den bereits bestehenden Meldepflichten zu den nationalen Kreditregistern und sonstigen statistischen Meldungen angesehen werden muss. Aus diesem Grund ist die Sicherstellung der Datenlieferungen an die bestehenden Meldesysteme in konsistenter, valider, prozessstabiler Art und Weise und gleichzeitig mit einer belastbaren und robusten Datenqualität im unmittelbaren Fokus.

Mit der geplanten Veröffentlichung der finalen EZB-Verordnung sollen die noch offenen Fragestellungen beantwortet werden. Ab diesem Zeitpunkt werden die Institute mit der Umsetzung und Implementierung beginnen, damit ab Anfang 2018 die praktische Anwendung und regelmäßige Meldungen in der geforderten Granularität erfolgen können. Durch die nachträgliche zeitliche Erweiterung der Realisierungsphase verfügen die Institute aktuell über ein komfortables Zeitpolster für die Entwicklung und Implementierung, wenn unmittelbar mit entsprechenden Aktivitäten zur Umsetzung begonnen wird. Die Herausforderung für die Institute liegt im Wesentlichen im Prozess der Beschaffung der Daten in der geforderten Granularität und der Sicherstellung der notwendigen Konsistenz und Stabilität im Lieferungsprozess. Die Institute sollten nunmehr umgehend mit der Identifizierung von Gaps im Datenhaushalt beginnen sowie mögliche Auswirkungen auf vorhandene IT-Systeme bzw. spezifische Prozesse zu untersuchen und den individuellen Handlungsbedarf identifizieren sowie geeignete organisatorische Maßnahmen und Aktivitäten einleiten, damit die Meldefähigkeit garantiert werden kann. Hierbei sind Schnittstellen zu laufenden Projekten im Umfeld des Meldewesens und Risikomanagements zwingend zu berücksichtigen, wie z. B. das Thema BCBS 239 („Risikodatenaggregation und Reporting“) bzw. FINREP (Financial Reporting). Insbesondere diese Themen unterliegen ebenfalls den hohen Anforderungen an Qualität, Granularität und Konsistenz von rechnungslegungs- und risikobezogenen Daten. Im Fokus dieses Prozesses stehen wieder einmal die Suche und Entwicklung von kostengünstigen und ergebnisorientierten Lösungen.

 

PRAXISTIPPS

  • Banken sollten und müssen unmittelbar mit der Umsetzung beginnen, d. h. trotz noch nicht final vorliegender Meldeinhalte sind entsprechende Projekte zur Umsetzung von AnaCredit zu initiieren.
  • Die Festlegung von Handlungsbedarf durch Analyse des Datenhaushaltes ist ein notwendiger Schritt – sind die relevanten Meldedaten konsistent, granular und qualitätsgesichert vorhanden und verfügbar?
  • Die Analyse des kompletten Meldeprozesses mit Blick auf die bestehende Architektur des Meldewesens (IT-technisch, prozessual und organisatorisch) ist eine weitere Aktivität, um dem erweiterten Meldeumfang gerecht zu werden.
  • Last but not least ist die rechtzeitige Bereitstellung von ausreichendem Budget zur Umsetzung der Garant zur Sicherstellung der Meldefähigkeit des Instituts.

 

SEMINARTIPP

 

BUCHTIPPS

Cover_NeueregulatorischeOffenlegungspflichtenfrKreditinstitute2Auflage_978-3-943170-41-2[1]Klopf/Kasprowicz
Neue regulatorische Offenlegungspflichten für Kreditinstitute, 2. Auflage 2015

Erscheinungstermin: 15.01.2016
Umfang: 450 Seiten
Preis: € 119,-
ISBN: 978-3-943170-41-2
Hier erhalten Sie weitere Infos zum Buch und die Möglichkeit zur Bestellung im Online-Shop

 

Cover_HandbuchBankaufsichtlichesMeldewesen2Auflage_978-3-943170-78-8[1]Günther, Hennig u.a.
Handbuch Bankaufsichtliches Meldewesen, 2. Auflage 2014
Erscheinungstermin: 30.09.2014
Umfang: 310 Seiten
Preis: € 99,-
ISBN: 978-3-943170-78-8

Hier erhalten Sie weitere Infos zum Buch und die Möglichkeit zur Bestellung im Online-Shop

 


Dieser Beitrag ist erschienen im Newsletter Banken-Times SPEZIAL Banksteuerung/Treasury, Ausgabe November/Dezember 2015.
(Kostenlose) Bestellung möglich unter http://www.fc-heidelberg.de/bankentimes

Autor:  Thomas Landmann, Manager Consultant, PPI AG


 

 

Antwort auf "AnaCredit – Zäsur im statistischen Meldewesen der Banken"



Pings responses :

  • […] Publiziert am Januar 20, 2016 von rkeuper Von Ralf Keuper Die Gesamtbanksteuerung hat es derzeit schwer, mit der Komplexität des Bankgeschäfts Schritt zu halten. Verantwortlich dafür sind nicht zuletzt die zahlreichen regulatorischen Bestimmungen, die in den letzten Jahren als Antwort auf die Finanzkrise erlassen wurden. Seither hat sich der Schwerpunkt fort von den Ertragschancen hin auf die Risikobetrachtung verlagert. Von einem integrierten Reporting ist man weit entfernt, was die Steuerung der Bank nicht erleichtert. Daher, so Peter Bartetzky und Thomas Maul in ihrem lesenswerten Beitrag Wandel in der Gesamtbanksteuerung, müsse die Gesamtbanksteuerung neu justiert werden.  Bestätigt wird dieser Befund u.a. durch die Beiträge Regulierungslast verhindert Innovation und AnaCredit – Zäsur im statistischen Meldewesen der Banken.  […]

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