Fremdfinanzierung kommunaler Unternehmen – Setzt in der Kreditwirtschaft ein Umdenken ein?

7. Dezember 2016 in Kategorie Markt

marktvon
Thomas Rieger
Abteilungsleiter Infrastruktur und Immobilien, LBBW – Sachsen Bank


Nicht erst seit der Insolvenz einzelner kommunaler Versorger steht die Finanzierung kommunaler Unternehmen bei vielen Kreditinstituten auf dem Prüfstand. Denn wenn im „Konzern Stadt“ die Balance zwischen Ertrags- und Verlustbringern nicht mehr gegeben ist, bleibt auch den Vertretern kommunaler Unternehmen der Gang zum Amtsgericht nicht erspart und Finanzierungsinstitute müssen um die Rückzahlung ihrer Kredite bangen.

Renommierte Beratungsinstitute melden sich zu Wort und weisen auf Fehlentwicklungen sowohl bei den klassischen Ertragsbringern, den Energieversorgern, wie auch im gesamten kommunalen Querverbund hin. Rechtsanwaltskanzleien beschäftigen sich mit Fragen rund um die Insolvenzfähigkeit kommunaler Unternehmen. Kreditinstitute erkennen, dass der Gesellschafterhintergrund Kommune als alleiniges Kreditvergabekriterium für Banken nicht mehr zeitgemäß ist.

Wenngleich viele kommunale Unternehmen im Bereich der Daseinsvorsorge agieren, die kommunal sichergestellt werden muss, ist die Orientierung an betriebswirtschaftlicher Leistungsfähigkeit bei der Prüfung der Finanzierungsfähigkeit geboten. Die Finanzierung kommunaler Unternehmen ist daher kein „Selbstläufer“ mehr.

Die planbare, einstmals beschauliche Welt der kommunalen Versorger gehört, spätestens mit der Liberalisierung der Märkte, der Vergangenheit an. Und auch auf Seiten der Finanzierer veränderte sich die Situation seit der Finanzkrise zum Teil dramatisch.

Aber der Reihe nach: Das Erfolgsmodell in vielen Kommunen war ein funktionierender Querverbund, in dem gut verdienende Energieversorger den öffentlichen Personennahverkehr oder defizitäre Schwimmbäder subventionierten. Die Energiewende macht nun vielen Kommunen einen Strich durch die Rechnung. Stadtwerke mit einer fossilen Energieerzeugungsbasis, insbesondere mit Gaskraftwerken, entfernen sich zunehmend von früherer Ertragskraft. Interessenvertreter wie der VKU Verband kommunaler Unternehmen schlagen bereits Alarm und sehen die klassischen Geschäftsmodelle gefährdet.

Daneben gibt es natürlich auch eine Vielzahl von Stadtwerken, die über keine Erzeugung verfügen, bei denen die Lage auch anders aussieht. Aus Bankensicht sind also die unterschiedlichen Geschäftsmodelle noch intensiver unter die Lupe zu nehmen. Stadtwerk ist nicht gleich Stadtwerk und entsprechend divergiert auch die Fähigkeit zur Subventionierung des Stadtkonzerns. Es ist jedoch davon auszugehen, dass die Kommunen zunehmend häufiger in die eigene Tasche greifen müssen, um die Finanzierung des Querverbundes sicher zu stellen.

Sprudeln die Gewinne bei den Energieversorgern nicht mehr, dann könnte eine Verlustbegrenzung bei den defizitären Sparten der Daseinsvorsorge helfen. Aber welcher Politiker verkündet der Wählerschaft gern, dass liebgewonnene Serviceleistungen, z. B. mäßig frequentierte Straßenbahnlinien, im wahrsten Sinn des Wortes zurückgefahren, Schwimmbäder geschlossen oder die Öffnungszeiten für Bibliotheken reduziert werden müssen. Widerstand in der Bevölkerung ist da vorprogrammiert.

Aktuelle Untersuchungen zeigen, dass die Verschuldung in Stadtkonzernen weiterhin zunimmt. Eine Ursache liegt auch darin, dass die Kommunen Ausschüttungen des Stadtkonzerns regelmäßig in den eigenen Haushalt einplanen. Eine Gewinnthesaurierung ist damit für die kommunalen Unternehmen nicht möglich oder erschwert. Die Folge: Neu- und Ersatzinvestitionen müssen in hohem Maß fremdfinanziert werden, die Verschuldung nimmt zu und die Eigenkapitalquote ab. Doch welche Verschuldung ist akzeptabel?

Eine Antwort liefert der Ausnutzungsgrad der Verschuldungskapazität. Vereinfacht ausgedrückt: Die Verschuldung sollte in einer gesunden Relation zu den erwirtschaftbaren freien Cashflows stehen und eine Entschuldung in einem angemessenen Zeitraum möglich sein. Da Ausschüttungen keine Gesetzmäßigkeit darstellen müssen, gibt es für viele Kommunalkonzerne dadurch auch Finanzierungsreserven.

Die Rekommunalisierung von Strom- und Gasnetzen stellt für kommunale Energieversorger eine Möglichkeit dar, das Geschäftsmodell mit stabilen Erträgen anzureichern und gleichzeitig mit den Vorgaben der Gemeindeordnung im Einklang zu stehen. Deshalb wird in vielen Kommunen die Möglichkeit des Erwerbs und Betreibens vormals kommunaler Netze erwogen. Risikolos – weil reguliert – ist das Netzgeschäft allerdings nicht. Im Einkauf liegt der Gewinn, die alte Kaufmannweisheit gilt auch hier. Ein überhöhter Transaktionspreis, zahlbar an den Altkonzessionär, schmälert die Rendite und den Cashflow zur Rückführung der aufgenommenen Fremdfinanzierung.

In Wellen bewegen sich seit geraumer Zeit die Rekommunalisierungsvorhaben durch die Bundesländer. Fragen rund um die Bewertung stellen deshalb auch kein völliges Neuland mehr dar. Die Finanzierung von Rekommunalisierungsvorhaben ist ein interessanter Geschäftsansatzpunkt für Kreditinstitute und insbesondere in Form von Projektfinanzierungen gut strukturierbar. In Abhängigkeit von den erworbenen Cashflows und dem zu finanzierenden Kaufpreis wird sich die Verschuldungskapazität verbessern oder verschlechtern.

Für Kreditanalysten gilt es bei der Umsetzung in Form der klassischen Unternehmensfinanzierung (auf die Bilanz des Versorgers) zu prüfen, welchen Finanzierungsumfang das neue Asset im Vergleich zur Bilanzsumme ausmacht. Einzelne Netze aus Umlandgemeinden werden im Gegensatz zu größeren „Paketen“ geringere Auswirkungen auf den zukünftigen Geschäftsverlauf und die Bilanzstruktur zeigen.

Bisher war die Finanzierung eines Stadtwerks aufgrund der kommunalen Eigentümerstruktur und des stabilen Geschäftsmodells nahezu unproblematisch. Banken und Sparkassen zeigten große Finanzierungsbereitschaft, die Risikoaufschläge für Kredite waren dementsprechend niedrig. Die Stadtwerke konnten aus einer Vielzahl von Angeboten auswählen. Lediglich die Finanzierung von Holdinggesellschaften stellte bereits in der Vergangenheit Kreditgeber vor Herausforderungen.

Außerdem verändert sich die Finanzierungslandschaft: Stresstest, verstärkte regulatorische Vorgaben, Basel III, Bail-in – diese Begrifflichkeiten stehen auch für eine zukünftig differenziertere Kreditvergabe an kommunale Unternehmen. Die Kreditinstitute werden sich damit befassen müssen, ob sie den kommunalen Unternehmen auch zukünftig langlaufende Finanzierungen ohne Sicherheiten im Bereich von Kommunalkonditionen anbieten können.

Vor diesem Hintergrund macht es für Stadtwerke & Co. durchaus Sinn, Finanzierungsalternativen zum klassischen Bankkredit in Erwägung zu ziehen.

Wenn über neue Finanzierungsmodelle nachgedacht wird, gelangen bewährte als auch bisher bei kommunalen Unternehmen wenig genutzte Instrumente zur Eigenkapitalstärkung in den Fokus.

Dies betrifft zum einen eigenkapitalähnliche Mittel, wie Genussrechte/-scheine oder Wandel- und Optionsanleihen. Damit einhergehend ist die Erweiterung der Investorenbasis möglich. Dies hätte den Charme, dass die Anteilseignerschaft der Kommune nicht „verwässert“ wird – somit eine Alternative zur klassischen Eigenkapitaleinlage.

Die Anteilsabgabe gegen Kapitalerhöhung, um so strategische Partner einzubinden, könnte bei den kommunalen Eignern auf wenig Gegenliebe stoßen. Diese Variante scheint politisch schwer darstellbar („Heuschreckendiskussion“). Anstelle der Einbindung von strategischen Partnern kann es allerdings ein Instrument der Rekommunalisierung sein, wenn die Bürger auf diese Weise direkt über Anteilserwerbe an ihrem Stadtwerk beteiligt werden.

Mit Schuldscheindarlehen können auf unkomplizierte, standardisierte Weise neue „Kreditgeber“ gefunden werden. In Absprache mit dem Emittenten ist eine zielgenaue Platzierung möglich. Es handelt sich dabei allerdings um Fremdkapital.

Eine weitere Variante bietet die oft diskutierte Bürgerbeteiligung in Form einer Bürgeranleihe. Sie führt ebenso zu einer Erweiterung der Fremdfinanzierungsbasis. Als Marketinginstrument kann die Bürgerbeteiligung in Verbindung mit einer lokalen Platzierungsstrategie eingesetzt werden, um beispielsweise im Fall der Finanzierung regenerativer Investitionsvorhaben „Betroffene zu Beteiligten zu machen“. Interessant scheint zweifelsohne auch die Variante Bankdarlehen auf Basis von Bürgereinlagen via Sparbrief oder -buch. Ähnlich der Bürgeranleihe bietet diese Variante eine lokale Verankerung und kann als unterstützende Marketingmaßnahme wirken.

Der goldene Mittelweg könnte die Verlagerung der Fremdfinanzierung auf eine Projektgesellschaft sein. Hier ist der Weg zur Einbindung eines strategischen Partners bzw. von privatem Kapital politisch gangbarer, denn auch hierbei würden die Anteile am Kommunalversorger nicht „verwässert“ werden. Und auf Ebene des Kommunalversorgers muss lediglich der Eigenkapital- Anteil an der Projektgesellschaft finanziert werden. Vorhandene Finanzierungspielräume stehen anderweitig zur Verfügung. Allerdings sollte sich das Projekt aus sich selbst rechnen.

PRAXISTIPPS

  • Die aktuellen Entwicklungen erfordern ein Umdenken bei der Finanzierung kommunaler Unternehmen. Banken und Unternehmen werden neue Wege gehen und bewährte, bislang nicht genutzte Finanzierungsinstrumente adaptieren.
  • Stärker in den Fokus gelangt die Frage Projekt- versus Bilanzfinanzierung und eine zunehmende Kapitalmarktorientierung. Gefordert sind maßgeschneiderte Finanzierungen ggf. mit Einbindung unterschiedlicher Eigen-und Fremdkapitalgeber.
  • Kreditinstituten müssen äußerst interessante Geschäftsansatzpunkte für ganzheitliche und kompetente Beratung in einem Wirtschaftssektor nutzen, der bislang eher eindimensional das klassische Bankdarlehen nachgefragt hat.

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Dieser Beitrag ist erschienen im Newsletter Banken-Times SPEZIAL Markt, Ausgabe November/Dezember 2016.
(Kostenlose) Bestellung möglich unter http://www.fc-heidelberg.de/bankentimes
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