Adressenausfallrisiken im Depot A

21. August 2017 in Kategorie Kredit

von
Frank Neumann
Leiter Controlling, Sparkasse Bodensee


Adressenrisiken im Depot A – ein Thema, das seit einigen Jahren immer stärker an Bedeutung gewinnt? In Zeiten schwindender Zinsergebnisse wird das Spiel mit Bonitäten immer mehr zu einer bedeutsamen Ertragsquelle. Logischerweise sind sich die Entscheidungsträger der Ertragsbedeutung bewusst – nur die Risikoperspektive wird dabei gerne etwas reduzierter betrachtet. Adressenrisiken im Depot A stehen in ihrer Komplexität den Adressrisiken im Kundengeschäft in nichts nach, dennoch werden sie in der Regel entspannter betrachtet als vergleichbare Risiken im Kundengeschäft.

Grund für diese Haltung der Entscheidungsträger sind oftmals folgende Einschätzungen:

  • Schnelle Liquidierbarkeit kritischer Titel durch zur Verfügung stehende Eigenhandelsprozesse
  • Leichtere Steuerungsmöglichkeiten wie Bonitätsvorgaben, Limitsysteme und Kontingentsbegrenzungen
  • Branchenfokussierung auf vermeintlich bekannte/sichere Branchen

Dennoch haben Adressrisiken im Depot A eine gravierende Crux – die Größe eines potenziellen Ausfalls. Auch sollte nicht unterschätzt werden, welche Auswirkung Migrationsrisiken im Depot A haben. Während bei Instituten, die nach HGB bilanzieren, Migrationswahrscheinlichkeiten erst bei Migration in eine Ausfallklasse relevant werden, werden sie es im Depot A unmittelbar über den Kurs. In den MaRisk wird die Frage nach dem Risiko bei Adressrisiken – zu Recht – eindeutig beantwortet. Hier werden Adressrisiken im Depot A de facto den Adressrisiken im Kundengeschäft gleich gestellt.

Folglich sind vergleichbare Prozesse wie im Kundengeschäft vorzuhalten. Problematisch wird insbesondere der Votierungsprozess. Während im Kundengeschäft in der Regel nach dem „Know Your Customer“-Prinzip verfahren wird, ergibt sich normalerweise diese Möglichkeit für das Eigengeschäft nicht. Die Anforderungen an die Sachkunde insbesondere in der Bilanzanalyse bei Anlagen im eigenen Buch sind enorm. Die Analysten müssen nicht selten Abschlüsse ausländischer Emittenten sichten und bewerten. Nicht nur, dass sie je nach Bilanzierungsart nach unterschiedlichen rechtlichen Anforderungen aufzustellen sind – sie sind häufig auch in einer anderen Sprache verfassen.

Der bloße Verweis auf Ratinginformationen entsprechender Agenturen ist nicht ausreichend, da die Agenturen zwar über die nötige Sachkunde verfügen, aber bei bloßem Verweis die eigene Beschäftigung mit dem Kreditnehmer ausbleibt. Erschwerend kommt hinzu, dass nicht selten Positionen aus Eigengeschäft in Form von beteiligten Unternehmen auch im Kundengeschäft vertreten sind. Dies stellt hohe Anforderungen an die technische Infrastruktur und Abbildung der Kreditnehmereinheiten. Installierte Frühwarnsysteme im Kundengeschäft laufen im Eigengeschäft in der Regel ins Leere – Alternativen müssen gefunden werden.

Es ist eine weitere Besonderheit von Eigengeschäften, dass die Höhe der Adressrisiken nicht nur unmittelbar vom Emittenten sondern auch vom Produkt abhängen. Der Klassiker hierbei ist der Pfandbrief, der in der Regel aufgrund der Sicherstellung adressrisikoseitig anders einzuschätzen ist als eine ungedeckte Inhaberschuldverschreibung. Kreditprozesse ähnlich dem Kundengeschäft bieten die Möglichkeit an, dass analog dem Kundengeschäft Sicherheiten eingeschätzt und entsprechend berücksichtigt werden können. Besonderes Augenmerk sollte auf die versteckten Adressrisiken gelegt werden, denn Adressrisiken z. B. in Fonds oder in Form des Underlying bei ETFs werden gerne übersehen.

Es empfiehlt sich mindestens jährlich im Rahmen der totalen Transparenz eine Fondsdurchschau zu machen und neben der Granularität auch klassische Analysen zu Struktur und Adressrisikogehalt der Konstruktion vorzunehmen. Adressrisiken im Depot A bedürfen einer dezidierten Betrachtung. Es sind Kreditprozesse analog dem Kundengeschäft einzurichten. Ein besonderes Augenmerk ist hierbei auf die Sachkunde der Analysten und die technische Informationseinbindung zu legen. Analysten müssen nicht nur in der Lage sein, die Zahlen zu lesen und zu bewerten, sondern auch die Produkte kennen. Es sind regelmäßig Prozesse zur Aktualisierung der Bonitätseinschätzung einzurichten.

PRAXISTIPPS

  • Sorgen Sie für einen stets aktuellen Wissensstand rund um die Produktwelt Ihrer Analysten.
  • Betrachten Sie auch versteckte Adressrisiken in Fonds oder in Form des Underlying.
  • Sensibilisieren Sie Entscheidungsträger auf die Ausfallrisiken und die Wirkung von Migrationswahrscheinlichkeit. Selbst bei guter Bonität kann ein potenzieller Ausfall aufgrund der Anlagegröße schnell große Löcher in die Gewinn- und Verlustrechnung reißen.

SEMINARTIPPS

BUCHTIPPS

Prof. Dr. Stefan Janßen / Henning Riediger

Praktikerhandbuch Risikoinventur

Erscheinungstermin: 15.08.2015
Umfang: 408 Seiten
Preis: € 119,-
ISBN: 978-3-943170-93-1
Hier erhalten Sie weitere Infos zum Buch und die Möglichkeit zur Bestellung im Online-Shop

 

Prof. Dr. Dirk Heithecker / Dennis Tschuschke

Geschäftsmodellanalyse

Erscheinungstermin: 30.03.2016
Umfang: 350 Seiten
Preis: € 119,-
ISBN: 978-3-95725-058-2
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Stefan Kühn

MaRisk-konforme Risikomessverfahren

Erscheinungstermin: 15.04.2013
Umfang: 300 Seiten
Preis: € 99,-
ISBN: 978-3-943170-34-4
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Dieser Beitrag ist erschienen im Newsletter Banken-Times KLASSIK, Ausgabe Juli/August 2017.
(Kostenlose) Bestellung möglich unter http://www.fc-heidelberg.de/bankentimes
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